Ode an das Kaolin - der neue LAUFEN Imagefilm

Am Anfang war die Hand. Die Hand, die macht. Die Macht der Hand. Das Handwerk ist ein Werk aus eigener Hand, gemacht zu Handgemachtem, weil die Hand dem Fingerzeig von oben folgt, gleich aus dem Kopf, der sich das ausgedacht, aber verknüpft mit dem, was ihm der Finger aus der Hand zurück gemeldet. Urzustand, Griff nach dem Schlamm. Der Schlamm hat uns im Griff, was Berührung mit den Elementen aus uns macht. Kaltes, klares Wasser, Staub, die Erde, irden ist das Kaolin, Keramos, das, was sich die Menschheit früh schon ausgedacht, Gefäss der Aufbewahrung und als Werkstoff, der zum Bauen taugt. Gebrannte Erde. Ton. Hellwaches Tasten, Fühlen, und ein Körper im Alarmzustand, der sich das ausgedacht, was da zu machen ist. Gibst Du mir Steine, geb ich Dir Sand. Schlämmen, Sieben, schon beim Trocknen formstabil und nach dem Brennen weiss. Der Feldspat eine Schippe nach der anderen, wir versetzen Berge, tragen Grate ab und schaffen im Gemisch ein neues Element. Das Runde fliesst, die Scheibe kreist, und kaltes klares Wasser rinnt in Strömen in die Flüssigkeit, die sich verdichtet, alles dreht sich, alles, das bewegt sich. Und ganz am Rand hält dieses Weiche eine Hand zusammen und schafft Form, wo vorher keine war. Form ist Gesetz, Schablone, negatives Vakuum. Skulptur. Das Becken, eine Schale, Wanne, die sich aus dem Mischvorgang erhebt, allmähliche Verfestigung der Form beim Denken, Machen, das nicht abreisst. Schneiden, kleben, fräsen und polieren, alles kommt aus der Natur und wird von Menschenhand mit Hilfe der Maschine zu dem Neuen, Dritten. Und das Herz muss Mittler sein von Kopf und Hand, die Handarbeit als Arbeit mit der Hand, die Hand als Sensor: Fühlen, Tasten und vergleichen, Perfektion. Das Handwerk. Werk aus eigener Hand. Den Fingerabdruck hinterlassen. Inspizieren, Kontrollieren, und am Schluss von Hand Signieren. Fecit, Fazit: Es ist gut. Entformen, dann Garnieren, Entgraten. Putzen, Schwämmen, und den feinen Staub vor dem Glasieren aus den Ecken blasen. Rohmodell: noch weich, empfindlich. Aggregatzustände. Kaltes, klares Wasser. Gibst Du mir Steine, geb ich Dir Sand. Gibst Du mir Wasser, rühr ich den Kalk. Das A und O ist schon im Kaolin, Ton, Feldspat und der Quarz. Die Silikate. Ein Volumen unter Strom und Druck: Temperatur. Die Feuchtigkeit der Luft: konstanter Messvorgang. Aufmerksamkeit und Hingabe, die Hand streicht zärtlich an der Form entlang. Dann wieder Kraft, das Werk will ausgehoben werden, 70 Kilo keine Seltenheit. Der Hebel der Maschine zuckt, vielleicht war zum Verfeinern Mineral im Spiel: Korund. Ganz automatisch die Veredelung als farbloser Saphir. Zum Brennen reiht sich Form an Form in eine lange Schlange ein. 1250 Grad. Der Boiler Raum. Ein Ofen, tüchtig angeheizt und vorgeglüht. Von Aussen nur als Flimmer wahrzunehmen, ein Erdinneres. In das auf kurz der Rücksturz dann erfolgt. Ruck um Ruck, die Form hat kaum je hitzefrei, schon folgt, im Zuge der Vollendung die Glasur, Hygienik, makellos und glatt die Oberfläche. Kaltes, klares Wasser, mit den Händen ins Gesicht geklatscht. Das Klatschen. Hand in Hand, nur so gemacht. Die Macht der Hand. Aufs Herz: Ich klatsch dich ab. In einer Handvoll Staub. Und Beifall ist am Ende alles, was der Fall ist.

_ ECKHART NICKEL

Eckhart Nickel ist Schriftsteller (“Was ich davon halte”, “Ferien für immer” etc.), Journalist (u.a. FAZ & NZZ) und promovierter Literaturwissenschaftler (“Flaneur”). In diesem Sommer wurde er beim Ingeborg Bachmann Literaturwettbewerb für einen Auszug seines Romans “Hysteria” mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.